2024

EUdaimonía*
*Ein utopisches Versprechen von Glückseligkeit

Fotos von André Leischner.

EUdaimonía verspricht keinen dämonischen Abend, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Tatsächlich bedeutet „Eudaimonía“ im Griechischen einfach Glückseligkeit, beschreibt also in der Philosophie den Zustand eines erfüllten Lebens. Ein solch paradiesisches Leben erhoffen sich auch viele Menschen, die nach Europa strömen. Verkörpert Europa denn wirklich eine solch sichere und glückliche Zukunft? Das fragt sich auch Dea, eine georgische Ärztin, die schon lange in Sachsen arbeitet, sich jedoch immer noch nicht willkommen fühlt. Als Dea in der Ausländerbehörde den jungen Georgier Erekle kennenlernt, prallen seine Hoffnungen und ihre Erfahrungen aufeinander. Er ist enthusiastisch: Gerade erst ist Georgien ein potentieller EU-Beitrittskandidat geworden, schon hat Erekle den Sprung nach Deutschland geschafft, um ein vielversprechendes Jobangebot im ersten MacDonalds der Neuen Bundesländer anzunehmen. Er schwärmt von dem neuen Leben in Sachsen, sie hadert bereits damit.
 
Die georgische Autorin und Regisseurin Tamó Gvenetadze wirft in ihrem Auftragswerk für das Theater Plauen-Zwickau einen Blick auf die europäische Medea-Rezeption. Warum ist Medea in der westeuropäischen Kulturgeschichte vor allem als Kindermörderin bekannt, während sie in ihrer Heimat Georgien als Heilerin und Königin von Kolchis verehrt wird?
 
Die Theater Chemnitz, Freiberg-Döbeln, Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz und Plauen-Zwickau haben im Rahmen des 7-villages-Projektes der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 jeweils einen Stückauftrag unter dem Motto „Inside Outside Europe“ vergeben. Am 12. April 2025 werden alle Uraufführungen hintereinander in Chemnitz zu erleben sein.

Text und Regie: Tamó Gvenetadze. Bühne: Nikolai Kuchin, Tina Hübner. Kostüme: Rabea Stadthaus. Dramaturgie Luise Curtius.
Mit: Sophie Hess, Philipp Andriotis, Patrick Bartsch.

Plauner Premiere: 15.11.2024.
Zwickauer Premiere: 10.04.2025.
Chemnitzer Premiere: 12.04.2025.
Weitere Vorstellungen in Plauen: 1.12, 7.12.2024, 9.1, 10.1.2025, 9.2, 7.3.2025.
Weitere Vorstellungen in Zwickau: 21.04.2025.

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IN DEN ALPEN

In einer urig eingerichteten österreichischen Talstation kommt eine Menschenmenge zusammen, in bunte und auffällige Wintersportkleidung gehüllt. Über ihnen thront der Gipfel: Naturereignis und zugleich nutzbarer Freizeitpark, der unermesslichen Profit durch den Massentourismus verheißt. Ausgangspunkt für Elfriede Jelineks Stück In den Alpen ist eine Katastrophe: Die Gletscherbahn Kaprun 2 war am 11. November 2000 auf dem Weg zum Kitzsteinhorn, als sie plötzlich in Brand geriet. 155 Menschen verloren bei dem Unglück ihr Leben. Die Aufarbeitung des Unglücks löste in Österreich einige Skandale aus. Doch in den anschließenden Prozessen kam es in sämtlichen Anklagefällen zu Freisprüchen. Nach und nach werden einzelne Stimmen hörbar, von Lebenden und Toten, Einheimischen und Fremden, Opfern und Helfer:innen. Darunter eine, die ihre große Freude und Liebe für Skilehrer und jede Pistenparty bekennt, aber moniert, dass die Berge anders aussehen als im Prospekt. Andere, kindliche Stimmen, denken fassungslos über ihren frühen Tod nach, verwundert über die Banalität, dass alles menschliche Leben zu Staub wird. Einheimische Helfer:innen berichten von der Herausforderung bei der Identifizierung von Brandopfern, begeistern sich aber mehr für das wirtschaftliche Potential der Felswände. Doch als Paul Celan, der jüdische Schriftsteller, aus einer Tür tritt, ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Aus dem Lamento der Einzelnen über das eigene Leben wird ein gemeinsames antisemitisches Crescendo.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek erzeugt mit ihrem Text einen ergreifenden Strudel, der eine verwundete Nationalseele spiegelt; eine Wutrede über die Maßlosigkeit des Menschen, der die Natur als ihm untertan ansieht. In den Alpen verdeutlicht, dass Ausgrenzung und Größenwahn nicht nur, aber auch inmitten der Gipfel, Berghütten und Skipässe schon immer dazugehörten.

Premiere: 02.10.2024

„Regisseurin Tamó Gvenetadze lässt die Figuren ganz bei sich. […] Natürlich ist das Stück eine politische Anklage. Weit mehr noch aber ist es ein Plädoyer für den Wert jedes einzelnen Lebens.“ Theater der Zeit

„Sarkastisch, makaber, lustig, herzzereißend: Mainfranken Theater spielt Elfriede Jelineks ‚In den Alpen‘.“ Main-Post

Text: Elfriede Jelinek. Regie und Video: Tamó Gvenetadze. Ausstattung: Anna Werl. Dramaturgie: Tim Puls.
Mit: Nils David Bannert, Nina Mohr, Laura Storz und Georg Zeies.

Weitere Vorstellungen: 8.1.2025, 26.1.2025.